Sektion: Kulturwissenschaft
Koordinator: Arno Gimber

 

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  Methoden und Bereiche der Kulturwissenschaft

Seit gut fünfzehn Jahren experimentiert man in den Geisteswissenschaften wieder, sucht nach Auswegen aus einer Krise, die natürlich in ihrem Verlust an gesellschaftlicher Relevanz begründet ist. Die Lösung scheint gefunden, Kultur ist das neue Schlagwort schlechthin, und die theoretischen, methodischen und praktischen Probleme der Geisteswissenschaften werden zunehmend unter dem Paradigma der Kulturwissenschaft verhandelt. Die Gefahr dabei liegt für uns Literaturwissenschafter darin, dass der "Sonderstatus" der Literatur Verlust gehen könnte und die Arbeit des Philologen an Wort und Text nicht mehr gewährleistet ist. Vor diesem Hintergrund wollen wir in unserer Sektion drei Problemkreise untersuchen:

1.

An zahlreichen europäischen Universitäten hat sich Kulturwissenschaft als eigenständige Disziplin etabliert. In Spanien werden kulturwissenschaftliche Veranstaltungen bisher nur im Rahmen von fachphilologischen Studiengängen angeboten, wobei nicht sicher ist, ob sie im Germanistikstudium neben der Sprachausbildung, der Linguistik und der Literaturwissenschaft ein viertes Standbein bilden oder in einer traditionell bzw. pragmatisch ausgerichteten Philologie bloß eine untergeordnete Rolle spielen. Hierbei stellen sich zahlreiche Fragen: Zunächst muss erörtert werden, wo die Grenzen zwischen Kulturwissenschaft, Landeskunde- und Geschichtsunterricht verlaufen. Entscheidend ist dabei, ob man sich für die elitäre oder eher alltägliche Variante von Kultur interessiert und ob Kultur anthropologisch, symbolisch oder rein materiell verstanden wird. Es stellt sich außerdem die Frage, inwieweit die curricularen Inhalte der kulturwissenschaftlichen Fächer an die jeweiligen Adressaten (Studierende) angepasst werden müssen, denn es ist ein Unterschied ob "Cultura y Civilización" an einer philologischen Fakultät oder in einem Übersetzerstudiengang angeboten wird. Die einen sollten den Zusammenhang übergreifender geistesgeschichtlicher Entwicklungen, die anderen Szenarien und Schlüsselwörter als Repräsentation fremder Kulturen in ihrer möglichen Übersetzung erkennen. Die kulturelle Kompetenz des zukünftigen Übersetzers muss anders ausgerichtet sein als die des Germanistikstudenten und späteren Lehrers. Daher möchten wir alle Kollegen, die an verschiedenen Fakultäten kulturwissenschaftlichen oder landeskundlichen Unterricht geben, zur aktiven Teilnahme an unserer Sektion einladen.

2.

Darüber hinaus wollen wir auch die Literaturwissenschaftler ansprechen, die für eine Öffnung und Erweiterung der Fachphilologien durch die Kulturwissenschaft plädieren. Das Eindringen der Kulturwissenschaft in die Germanistik ist also das zweite Thema, das uns in dieser Sektion beschäftigen wird. Die Frage ist, ob die traditionelle Literaturwissenschaft von einer interdisziplinären Kulturwissenschaft abgelöst wird und wie genau das Verhältnis von Literatur- und Kulturwissenschaft zu bestimmen ist. Können kulturwissenschaftliche Forschungen eine Erweiterung der traditionellen Philologien gewährleisten oder tragen sie vielmehr zu einem inflationären Ausufern der Disziplin bei? Es geht uns weniger um Ab- und Ausgrenzungen, sondern um Berührungspunkte zwischen den beiden Fächern. Arbeitsschwerpunkte wären hier u.a. das Aufdecken von Repräsentationen und performativen Akten in der Literatur, die Untersuchung von Gedächtnisstrukturen oder von anthropologischen Konstanzen wie Tod, Krankheit, Sexualität (Geschlechterdiskurs), Körperwahrnehmung und -verhalten usw., die jeden beliebigen Text durch die kulturwissenschaftliche Perspektive einer neuen Leseart unterzieht. Es verändert sich nicht nur der Blick auf den Text, sondern durch das anders akzentuierte Interesse gewinnen auch in Vergessenheit geratene Werke neue Bedeutung. Dieser Punkt betrifft die Frage nach dem Kanon, und damit schlagen wir eine Brücke zu der benachbarten literaturwissenschaftlichen Sektion.

3.

Kulturwissenschaft ist immer interdisziplinär ausgerichtet. Das „Grenzgängerische“ berührt nicht nur die Wechselbeziehung von Künsten und Wissenschaften, sondern in unserem Zusammenhang vor allem die Identität der Auslandsgermanistik, denn ihre Internationalität verbürgt in der Literaturwissenschaft eine Abwendung von geschlossenen nationalen Konzepten und eine Hinwendung zu den Verflechtungen der verschiedenen „Nationalliteraturen“.

Die Problemfelder und Schwerpunkte liegen in diesem Bereich in der Wechselwirkung der deutschsprachigen Literatur mit nicht-deutschen Kulturen, insbesondere in der Dekonstruktion einer nationalen Literatur durch verschiedene Diffundierungen und Hybridisierungen, in dem deutsch-spanischen (und nicht nur literarisch-ästhetischen) Kulturtransfer und in imagologischen Fragen, insofern sie sich im Rahmen einer internationalen Germanistik als Beitrag zur kulturellen Alterität verstehen. Welche Fremdbilder werden in der Auseinandersetzung mit der anderen Kultur in literarischen Texten präsentiert und welche Haltung steht dahinter? Welche Art von Literatur entsteht, wenn sich zwei (oder mehrere) Kulturen begegnen und gleichberechtigt in die Textgenese einfließen? Ein weiterer Arbeitsbereich umfasst Rezeptions- und Translationsprobleme, die im interkulturellen Kontext eine wichtige Rolle spielen, und wodurch wir auch eine Verbindung zur übersetzungswissenschaftlichen Sektion herstellen wollen.

Gefragt sind nicht nur Beiträge zur theoretischen Diskussion, sondern anhand von konkreten Beispielen sollen Themen und Methoden der Kulturwissenschaft repräsentativ dargestellt und diskutiert werden. Zuletzt sollte es in unserer Sektion gelingen, die drei vorgestellten Problemfelder aufeinander zu beziehen und zu vernetzen. Die folgenden Bereiche dienen dabei noch einmal zusammenfassend der Orientierung:

  • Der Kulturkompetenzerwerb in unterschiedlichen Studienfächern. Lernziele und Lerninhalte in kulturwissenschaftlichen Veranstaltungen
  • Wodurch zeichnen sich Kulturtexte im Vergleich zu literarischen Texten aus? Wo liegen die Berührungspunkte zwischen literarischen und kulturwissenschaftlichen Texten?

  • Anthropologische Themen (Tod, Krankheit, Sexualität, Körper) in der Literatur und anderen Textsorten. Inszenierungen (Rituale, Gesten, Feste, Repräsentation) in Texten. Gedächtnis und Wissensspeicherung
  • Veränderung und Erweiterung des literarischen Kanons durch den Einbruch der Kulturwissenschaft in die Germanistik

  • Interkulturalität. Kulturvergleich und Transferbewegungen zwischen den deutschsprachigen Ländern und Spanien
  • Identität und Alterität (Wahrnehmung des Fremden in der Literatur)
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