Sektion: Literatur
Koordinatorin: Isabel García Adánez

 

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  Kanon und Antikanon im Kontext der Globalisierung

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, da nicht nur die Moderne, sondern auch die Postmoderne überwunden scheinen, hat sich die Bedeutung der Lektüre der Klassiker und der Zweck eines westlichen Kanons als eines der wichtigsten Diskussionsthemen der Literaturkritik herausgestellt. Neben den zahlreichen Debatten zwischen Kritikern in der (deutschen) Presse nahm das Thema des Kanons an der Schwelle des neuen Jahrtausends auch eine zentrale Stellung auf dem 10. Internationalen Germanistenkongress Wien 2000: "Zeitenwende - Die Germanistik auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert" ein; zuletzt erschien dazu eine ausführliche Monografie in der Zeitschrift text+ kritik ("Literarische Kanonbildung", IX/2002). Der Revision des Kanons und seiner Kehrseite, des Anti-Kanons, wird unsere Literatursektion gewidmet sein. Es besteht kein Zweifel daran, dass die sogenannten "Klassiker" und "Hauptwerke der Literatur" – groß geschrieben – als Orientierungspunkt in der Flut der jährlich herausgegebenen Bücher und des nicht mehr zu bewältigenden Überschusses an Information im Zeitalter von Internet eine bedeutende Rolle spielen. Gerade deshalb ist es interessant, auf dem Dachboden der Literatur Minderheits- und Randgruppenautoren auszugraben: solche, die aus historischen, ideologischen oder verkaufstechnischen Gründen unbekannt geblieben sind, wie etwa Repräsentanten bestimmter Bereiche der Avantgarde, die Mehrheit der Autoren aus den östlichen Territorien der ehemaligen Donaumonarchie, viele Vertreter der Exilliteratur, deren Werke während der Nazizeit in anderen Sprachen veröffentlicht werden mussten oder erst Jahrzehnte später erscheinen konnten; aber auch die im Laufe der Geschichte zensierte und verbotene Literatur, Literatur von und für Minderheiten, oder die non gratae im Kontext ihres jeweiligen Zeitalters (egal ob Reformation, Restauration oder Wirtschaftswunder). Das Fehlen eines Autors auf Fachkongressen und auf der Liste der zwanzig meist gelesenen, meist verkauften, meist ausgezeichneten und meist kommentierten Bücher der Literaturgeschichte muss kein Zeichen mangelnder Qualität sein. Die Verteidigung der Minderheiten und der Anspruch auf Differenz kann als Ausweg gelten, wo es keine Alternativen zu den Tendenzen der Globalisierung und den industriell vervielfältigten Veröffentlichungen in großen Mengen zu geben scheint.

In wessen Händen aber befindet sich der Kanon? Welche Auswahl würden wir als Stichprobe unserer Literatur und unserer Identität in den Weltraum schicken? Aus dem neuen Verständnis des Kanons als Symbol unserer Identität und demnach als Abgrenzung von der Masse – sei es in einem "positiven" Sinn als großes Modell oder "negativ" als marginale und antikanonische Haltung – ist es unvermeidlich, von Kanones im Plural zu sprechen und nicht von einem einzigen globalisierten Kanon. Diese Perspektive eröffnet eine Pluralität von Kanones und neuen Definitionen etwa hinsichtlich einer Gattung (feministischer Kanon), einer politisch-philosophischen Orientierung (marxistischer, strukturalistischer, postkolonialer Kanon), der historischen Rahmenbedingungen oder einer soziokulturellen Identität, die an einen bestimmten geografischen Raum gebunden ist, was gerade im Falle einer plurizentrischen Literatur wie der deutschsprachigen einen sehr interessanten Aspekt darstellt.

In einem zweiten Block, der zu den Bereichen Kulturwissenschaft und Kulturgeschichte hinführt, steht die Anwendung des bzw. der Kanones im Literaturunterricht zur Debatte. Insbesondere werden die Kriterien analysiert, nach denen repräsentative Autoren ausgewählt und die üblichen Listen der Lektüreempfehlungen für den Unterricht erstellt werden. Es darf dabei nicht vergessen werden, dass diese Kriterien in den verschiedenen deutschsprachigen Ländern und vor allem aus der Sicht unserer Auslandsgermanistik sehr unterschiedlich ausfallen können. Angesichts der verschiedenen Möglichkeiten, deutsche Literatur in den aktuellen Universitätslehrplänen zu unterrichten (Literatur als Standbein des Germanistikstudiums, als Nebenfach anderer Philologien in Veranstaltungen wie Sprache und Literatur oder als Zusatzangebot in Studiengängen wie Geschichte, Kunstgeschichte, Journalismus, Soziologie oder Philosophie), könnte die Frage nach einem Paradigmawechsel aufgeworfen werden. Dabei würde nicht unbedingt mehr der traditionelle Kanon im Vordergrund stehen, sondern, über ihren ästhetischen und rein literarischen Wert hinaus, sind die Texte auch als Zeugnis einer Epoche, als Beispiel bestimmter sozialer oder psychologischer Verhaltensweisen von Interesse.

Neben der Literaturdidaktik im eigentlichen Sinne kann die Idee, Literatur auch in anderen Bereichen zu unterrichten, neue Arbeitsfelder auftun und die Blicke in dem Moment weiten – bis zum Inkrafttreten der Bestimmungen von Bologna fehlen nur noch weniger Jahre –, da die Forderungen nach einer hoch spezialisierten Berufsorientierung, nach dem Ausbau neuer Technologien und nach Höchstleistung während des ganzen Lebens – "jedoch bitte ohne viel zu lesen" – die Literaturdozenten in eine vom Aussterben bedrohte Gattung zu verwandeln scheinen.

Zusammenfassend und als Orientierungshilfe stellen wir uns vor, dass sich die Beiträge der Literatursektion innerhalb der folgenden Schwerpunkte bewegen:

  • der traditionelle Kanon: Relevanz der Klassiker in der heutigen Zeit
  • Anti-Kanon und "neue Kanones": Randgruppen, Vergessene, Minderheiten
  • Kanon und Geschichte: Veränderungen in der Auffassung des literarischen Kanons in verschiedenen Epochen
  • Kanon und Ideologie: der literarische Kanon als Spiegel eines politischen Gedankenguts und seine Beziehung zur Macht
  • Kanon und kulturelle Identität: der Kanon in Verbindung mit dem sozialen, kulturellen und geografischen Umfeld
  • Kanon und Lehre: neue Einstellungen, Fragestellungen und ihre Anwendung auf die Literaturdidaktik
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